Ende einer Ära — Der Abriss der Raketenstation Thum 2019
Im Januar 2019 rückten Bagger an die ehemalige Nike-Raketenstation Thum heran. Innerhalb weniger Monate fielen 20 Gebäude und der markante Wachturm den Abbrucharbeiten zum Opfer. Drei Personenschutzbunker blieben für Fledermäuse erhalten. Das Gelände ist heute wieder Teil des Naturschutzgebiets Drover Heide.
16. Mai 2026 · Aktualisiert: 16. Mai 2026
Am 7. Januar 2019 fuhren die ersten Bagger auf das Gelände der ehemaligen Nike-Raketenstation Thum. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatten die Gebäude des einstigen Nuklearwaffenstandorts leergstanden — verwitternd, vergittert, vom Naturschutzgebiet rings umgeben, aber von ihm ausgeschlossen. Was an jenem Januarmorgen begann, war das Ende des letzten baulichen Überrests des Kalten Krieges auf der Drover Heide.
Das Erbe des Kalten Krieges
Die Raketenstation Thum war kein gewöhnliches Militärgelände. Ab 1962 betrieb das belgische Militär hier eine Nike-Ajax-Stellung zur Flugabwehr — vier Abschussflächen, zwei unterirdische Doppelbunker, Lager- und Befehlsgebäude. Wenige Jahre später, ab etwa 1966, errichteten Belgier und US-Amerikaner in unmittelbarer Nachbarschaft eine modernere Nike-Hercules-Stellung. Diese Raketen konnten Ziele in bis zu 130 Kilometer Entfernung und 30 Kilometer Höhe bekämpfen — und, was die Station zu einem besonderen Punkt auf der Karte des Kalten Krieges machte, sie konnten mit Atomsprengköpfen bestückt werden.
Die kleinste verfügbare Variante hatte eine Sprengkraft von zwei Kilotonnen, die größere ursprünglich 40 Kilotonnen — mehr als doppelt so viel wie die Hiroshima-Bombe. Maximal zehn Nuklearsprengköpfe waren gleichzeitig auf dem Gelände stationiert. Den Abschuss kontrollierten US-amerikanische Soldaten; belgische Verbände sicherten den äußeren Sicherheitsring.
Die meisten Nike-Systeme wurden im April 1974 infolge des SALT-1-Abkommens außer Dienst gestellt. Was blieb, waren die Gebäude — und die Frage, was mit ihnen geschehen sollte.
→ Ausführlicher Artikel: Atomschutzschirm über der Eifel — Nike-Raketenstation Thum
Jahrzehnte des Verfalls
Nach dem Ende des Raketenbetriebs um 1974 verblieb das Gelände zunächst in belgischer Nutzung als Teil des Truppenübungsplatzes Drover Heide. Als die belgischen Streitkräfte sich ab 2002 aus Deutschland zurückzogen und die Drover Heide bis Ende 2004 freigaben, fielen auch die Raketengebäude in Bundesbesitz.
Das Gelände wurde gesperrt. Die Gebäude standen leer, die Zäune hielten Besucher fern. Jahrzehnte vergingen: Witterung zerfraß Putz und Metall, Pioniervegetation überwucherte Betonflächen und Wege, Vögel nisteten in Mauernischen. Wer von den angrenzenden Wanderwegen aus durch den Zaun blickte, sah eine gespenstische Kulisse — Kasernengebäude im Heidekraut, den grau gestrichenen Stahlgittermast, der einst die Feuerleitanlage trug, als Skelett über dem Baumwipfeln.
Der NRW-Stiftungs-Jahresbericht 2019 beschrieb die Situation prägnant: Es handelte sich um „seit langem leerstehende Gebäude der ehemaligen Nike-Raketenstellung”. Die Frage war nicht ob, sondern wann und durch wen der Abriss erfolgen würde — und wer dafür bezahlt.
Januar 2019 — Die Bagger kommen
Mit der Übernahme des Geländes durch die NRW-Stiftung im April 2016 war die Eigentümerfrage geklärt. Als gemeinnützige Naturschutzstiftung hatte die NRW-Stiftung sowohl das Interesse als auch die Mittel, die Beseitigung der Altgebäude zu beauftragen. Im November 2018 kündigte die Aachener Zeitung die AbrissPläne an; im Januar 2019 begannen die Arbeiten.
Das Ausmaß war erheblich: Auf 1,3 Hektar bebauter Fläche standen mehr als 20 Gebäude — Unterkunftsgebäude, Lagerräume, Mannschaftsräume, Technikgebäude und der markante Wachturm, der früher rot-weiß gestrichen war und zuletzt grau von Mobilfunkbetreibern mitgenutzt wurde. Alle fielen den Baggern zum Opfer. Dazu kamen ausgedehnte Betonflächen, Fahrwege und Zäune, die das Gelände von der umgebenden Heide abschnitten.
„Mit schwerem Gerät werden die Gebäude abgerissen und der Schutt anschließend abtransportiert”, dokumentierte der NRW-Stiftungs-Jahresbericht 2019 mit Bildern aus dem laufenden Abriss. Die Bilder zeigen, was der Jahrzehntelange Leerstand hinterlassen hatte — und was nun von der Drover Heide verschwand.
Drei Bunker für die Fledermäuse
Nicht alles wurde abgerissen. Drei Personenschutzbunker — unterirdische Betonkammern, die im Kriegsfall als Schutzräume dienen sollten — blieben erhalten. Sie wurden mit Steinquadern gefüllt und stehen seitdem als Fledermausquartier zur Verfügung.
Die Entscheidung war nicht zufällig. Stillgelegte Militärbunker gehören zu den wertvollsten Fledermausquartieren in Mitteleuropa. Ihre konstanten Temperaturen, die hohe Luftfeuchtigkeit und die Dunkelheit entsprechen den Bedingungen natürlicher Kalksteinhöhlen — Lebensräume, die in der Landschaft selten geworden sind. Die Steinquadern in den Thumer Bunkern verstärken diesen Effekt: Hohlräume zwischen den Blöcken schaffen Mikroklimata, die für verschiedene Fledermausarten unterschiedlich attraktiv sind.
Dass diese Bunker erhalten wurden, ist kein nostalgischer Kompromiss — es ist eine gezielte Naturschutzmaßnahme. Die Drover Heide ist ohnehin bedeutsam für Fledermäuse; die ehemaligen Militärbauten erweitern das verfügbare Quartierangebot.
Rückkehr in das Naturschutzgebiet
Nach Abschluss der Abrissarbeiten wurde das Gelände entzäunt: Die Zäune, die es jahrzehntelang von der Heide getrennt hatten, wurden entfernt. Das ehemalige Raketengelände ist seither Teil des Naturschutzgebiets Drover Heide — formal integriert, zugänglich über die angrenzenden Wanderwege.
Was auf der freigelegten Fläche wächst, entscheidet die Natur. Pionierarten — Birke, Zitterpappel, Heidekraut — werden die freigestellten Flächen besiedeln. Offene Bodenstellen schaffen temporär neue Habitate für spezialisierte Insekten und Amphibien. Auf den Panzerpisten des alten Übungsgeländes sind bereits seit Jahrzehnten Tümpel entstanden; ähnliche Prozesse werden auch das frühere Raketengelände prägen.
Das Unsichtbare bleibt
Für Besucher, die heute auf dem angrenzenden Wanderweg an der früheren Raketenstation entlanggehen, ist das meiste verschwunden. Statt Stacheldraht und Kasernenfassaden: Heide, junge Birken, der Horizont. Drei niedrige Betondeckel verraten, dass hier die Fledermausbunker liegen.
Was unsichtbar bleibt: Fundamente tief im Boden, Reste der Infrastruktur, und — wie überall auf der Drover Heide — mögliche Kampfmittel. Die Renaturierung nach dem Abriss ist der sichtbare Teil; der Untergrund dieser Landschaft wird noch Jahrzehnte von seiner militärischen Vergangenheit geprägt sein.
Das ist, im Kern, die Geschichte der Drover Heide: eine Landschaft, die von Zerstörung geformt wurde — und gerade deshalb lebt.
LEBENSGEFAHR !
BETRETEN STRENGSTENS VERBOTEN !