Wachturm der Raketenstation Thum
Militär

Atomschutzschirm über der Eifel — Die Nike-Raketenstation Thum (1962–1991)

Am Nordrand der Drover Heide bei Thum errichteten belgische Streitkräfte ab 1962 eine NATO-Flugabwehranlage. Zuerst Nike-Ajax, ab 1966 eine angrenzende Nike-Hercules-Stellung mit atomarer Bestückung — bis 1991 bewachte die Station den Luftraum über dem Rheinland. 2019 wurden die letzten Gebäude abgerissen.

15. Mai 2026 · Aktualisiert: 22. Mai 2026

Wer die Drover Heide heute von Thum aus betritt, passiert einen unscheinbaren Erdwall zwischen Bäumen — einen letzten sichtbaren Rest der einst geheimen NATO-Raketenanlage, die hier von 1962 bis 1991 stand. Atomar bestückte Abwehrraketen, belgische und amerikanische Soldaten, ein Geheimnis, das die ganze Region kannte, aber niemand laut aussprach: Die Raketenstation Thum war ein Stück Kalter Krieg auf dem Boden der Drover Heide.

Das NATO-Flugabwehrnetz

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte die westliche Allianz ein weltumspannendes Luftabwehrsystem. Für Deutschland, das als mögliche Einflugzone sowjetischer Bomber galt, war ein dichtes Netz von Flugabwehrraketen von zentraler Bedeutung. Die Antwort der NATO: das Nike-System — benannt nach der griechischen Siegesgöttin.

Anfang der 1960er Jahre entstanden im Rheinland neun Flugabwehrraketenstellungen, verteilt auf beide Rheinufer. Alle Anlagen links des Rheins wurden von der belgischen Armee betrieben; die belgischen Streitkräfte waren im Rahmen ihrer NATO-Verpflichtungen für den Schutz dieses Luftraums zuständig. Das gesamte Netz — von den Stationen in Deutschland, den Niederlanden, Belgien und den USA — bildete den NADGE-Verbund (NATO Air Defence Ground Environment), der den Luftraum über Mitteleuropa lückenlos erfassen sollte.

Drei Komponenten, ein System

Der Stahlträgerturm der ehemaligen Raketenstation Thum, heute grau gestrichen und von einem Mobilfunkbetreiber genutzt
Der Stahlträgerturm der ehemaligen Raketenstation Thum — heute grau gestrichen, mit Mobilfunkantennen bestückt und in zivile Infrastruktur integriert. Auf den NIMH-Fotos von 1995 war er noch in der militärischen rot-weißen Bemalung zu sehen. Der Turm steht etwas abseits des eigentlichen Stationsgeländes und blieb vom Abriss 2019 verschont. Sven Stieber, alle Rechte vorbehalten

Jede Nike-Station bestand aus zwei räumlich getrennten Teilen, die durch ein Kabel miteinander verbunden waren: dem Abschussbereich (wo die Raketen lagerten und gestartet wurden) und der Feuerleitstelle (wo Radar und Steuerungscomputer standen).

Für die Station bei der Drover Heide bedeutete das:

  • Abschussbereich: Nordöstlich des Ortsteils Thum (Kreuzau), am Nordrand des ehemaligen Truppenübungsplatzes. Koordinaten ca. 50° 42′ 46″ N, 6° 32′ 3″ O.
  • Feuerleitstelle: Bei Nideggen-Berg, einige Kilometer entfernt auf einem markanten Höhenzug.
  • Unterkunft: Die Truppen wohnten im Camp Bodart in Düren. Eine eigens angelegte Panzerstraße verband die Kaserne mit dem Abschussbereich — heute ein historischer Wanderweg.

Ein markantes Wahrzeichen des Standorts: Der früher rot-weiß gestrichene Stahlträgerturm, der von weitem sichtbar war und von Mobilfunknetzbetreibern nachgenutzt wurde — inzwischen grau gestrichen und Teil der zivilen Infrastruktur.

Nike-Ajax: Die erste Generation (ab 1962)

Die belgische Armee errichtete den Abschussbereich nordöstlich von Thum ab 1962. Zunächst wurden Nike-Ajax-Raketen eingesetzt: Zweistufige Flugkörper mit konventionellem Sprengkopf, flüssigkeitsgetrieben (mit hochkorrosivem und brandgefährlichem Treibstoff) und auf eine Reichweite von etwa 40 Kilometern ausgelegt. Der Name „Ajax“ verwies auf den griechischen Helden — in bewusster Korrespondenz zur Göttin Nike.

Der Nike-Ajax-Abschussbereich bei Thum umfasste das gesamte Gelände mit einer Fläche von 632 Hektar. Er hatte vier Abschussflächen sowie zwei Double-Section-Bunker — je einen zwischen zwei Abschussflächen. Der standardisierte Aufbau war für alle neun Rheinland-Stationen gleich: Ein Doppelzaun mit Wachhaus, Raketenlagerhallen, Generatorhäuser und ein U-förmiger Splitterschutzwall um jede Halle. Die Raketen wurden auf einer Laufschiene zu den Abschussgestellen gefahren und dort aufgerichtet — bereit zum Start innerhalb weniger Minuten nach einem Alarm.

Nike-Hercules und die Atomwaffe: Ab 1966

Ab 1966 wurde unmittelbar angrenzend an das Nike-Ajax-Gelände eine neue Feuerstellung für die modernere Nike-Hercules errichtet — als zweiter Abschussbereich direkt neben dem Ajax-Gelände bei Thum. Die Hercules-Version war leistungsfähiger in jeder Hinsicht: Festtreibstoff statt der gefährlichen Flüssigkeiten des Ajax, eine Reichweite von bis zu 130 Kilometern, eine Wirkungshöhe von bis zu 30 Kilometern — und die Möglichkeit zur Bestückung mit Atomsprengköpfen.

Mit der Hercules zogen auch US-amerikanische Soldaten in die Stellung ein: Sie lagerten und bewachten die Atomsprengköpfe im inneren gesicherten Bereich. Die Belgier sicherten den äußeren Perimeter und bedienten die Raketensysteme.

Der innere Bereich der Raketenstation Thum, Luftaufnahme 2015 Luftaufnahme des inneren Bereichs der Raketenstation Thum (2015), in dem US-amerikanische Streitkräfte die Atomsprengköpfe lagerten. Foto: Wolkenkratzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die nuklearen Gefechtsköpfe umfassten zwei Varianten der W-31-Bombe: die kleinere B-XS mit einer Sprengkraft von 2 Kilotonnen und die größere B-XL mit ursprünglich 40 Kilotonnen (später auf 20 KT reduziert). Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von etwa 15 Kilotonnen. Je Station konnten bis zu zehn Sprengköpfe gelagert werden.

Diese Aufgabenteilung — Belgier am Abzug, Amerikaner am Schlüssel — war typisch für die NATO-Nuklearteilung des Kalten Krieges.

Das Stationsgelände: Zwei angrenzende Abschussbereiche

UN-Fahrzeuge der niederländischen Limburgse Jagers auf dem Gelände der Raketenstation Thum, mit dem noch rot-weiß gestrichenen Stahlträgerturm im Hintergrund, 10. Mai 1995
10. Mai 1995: Gepanzerte YPR-765-Fahrzeuge und Sanitätsfahrzeuge der niederländischen UN-Einheit bei der Übung WAGRAM. Im Hintergrund: der Stahlträgerturm der Raketenstation Thum in seiner damals noch rot-weißen Bemalung — heute grau gestrichen und von einem Mobilfunkbetreiber genutzt. Sammlung: Niederländisches Institut für Militärgeschichte (NIMH), Objektnr. 2000-1208-008

Das Stationsgelände nordöstlich von Thum umfasste damit zwei angrenzende, aber baulich separate Abschussbereiche:

  • Den Nike-Ajax-Bereich (ab 1962): Vier Abschussplattformen und zwei Doppelbunker, von der Zufahrtsstraße aus zugänglich und nach der Schließung lange einsehbar.
  • Den Nike-Hercules-Bereich (ab 1966): Unmittelbar daneben gelegen, mit eigenem Gebäudebestand inkl. Wachturm. Nicht frei zugänglich, bis zum Abriss 2019 durch Zäune gesichert.

Das gesamte Gelände wurde von einem Doppelzaun umschlossen. Der einst rot-weiß gestrichene Stahlträgerturm war von weitem sichtbar — heute grau gestrichen und von einem Mobilfunkbetreiber genutzt. Vom angrenzenden Wanderweg aus ist der Erdwall des Geländes einsehbar.

Bunker der Raketenstation Thum (2015) Eines der Erdbunker-Bauwerke auf dem Gelände der Raketenstation Thum, aufgenommen 2015 vor dem Abriss. Drei solcher Bunker blieben als Fledermausquartiere erhalten. Foto: Papa1234, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

1991: Stille nach dem Kalten Krieg

Mit dem Ende des Kalten Krieges — symbolisiert durch den Fall der Berliner Mauer 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 — verlor das Nike-Netz seine strategische Bedeutung. Die Bedrohungslage hatte sich fundamental verändert; ein massiver sowjetischer Bomberangriff auf Westeuropa war nicht mehr das maßgebliche Szenario.

Nach KuLaDig-Angaben des LVR wurde der Abschussbereich bei Thum 1991 freigegeben. Die Anlage wurde geschlossen, die Truppen abgezogen, der Betrieb eingestellt. Das Gelände blieb zunächst in belgischem Besitz — als Teil des weiterhin genutzten Truppenübungsplatzes Drover Heide, der erst 2004 aufgegeben werden sollte.

1995: Das ehemalige Raketengelände als UN-Stützpunkt

UN-Soldaten der niederländischen Limburgse Jagers auf dem Gelände der ehemaligen Raketenstation Thum, Übung WAGRAM, 10. Mai 1995
Übung WAGRAM, 10. Mai 1995: Das Gelände der ehemaligen Nike-Raketenstation dient als temporäres UN-Lager. Soldaten der Alpha-Kompanie des 42. Panzergrenadierbataillons Limburgse Jagers in blauen UN-Baretts bereiteten sich hier auf ihren Einsatz als Dutchbat IV in Bosnien vor. Die gepanzerten Fahrzeuge (YPR 765) tragen noch keine weiße UN-Lackierung — sie sind nur für Übungszwecke bestimmt. Sammlung: Niederländisches Institut für Militärgeschichte (NIMH), Objektnr. 2000-1208-007

Nur vier Jahre nach der Schließung der Raketenstation erlebte das Gelände eine ungewöhnliche Zwischennutzung: Im Mai 1995 verwandelte die niederländische Armee das ehemalige Raketengelände kurzzeitig in ein temporäres UN-Lager.

Anlass war die Übung WAGRAM — die Zertifizierungsübung des 42. Panzergrenadierbataillons der Limburgse Jagers (Limburgse Jäger) in Vorbereitung auf ihren Einsatz als Dutchbat IV in Bosnien im Rahmen von UNPROFOR. Der Großteil des Bataillons übte auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz Vogelsang; die Alpha-Kompanie wurde bewusst 20 Kilometer weiter nördlich auf das Gelände der Drover Heide abkommandiert — um die räumliche Trennung zu simulieren, wie sie auch im Einsatz in Bosnien vorgesehen war.

Am 10. Mai 1995 dokumentierten Fotografen des Niederländischen Instituts für Militärgeschichte (NIMH) das Lager auf dem Gelände der ehemaligen Raketenstellung: gepanzerte Fahrzeuge vom Typ YPR 765, Sanitätsfahrzeuge, UN-Flaggen — und Soldaten in blauen UN-Baretts. Die Fahrzeuge trugen noch keine weiße UN-Lackierung, da sie nur für die Übung und nicht für den Einsatz in Bosnien bestimmt waren.

Der historische Kontrast des Ortes ist bemerkenswert: Wo einst Atomraketen auf sowjetische Bomber zielten, übten niederländische UN-Soldaten die Friedenssicherung auf dem Balkan — auf demselben Erdreich, das bis 1991 ein NATO-Atomgelände gewesen war.

Die Alpha-Kompanie sollte ursprünglich Teil der Ablösung für Dutchbat III in der Enklave Srebrenica werden. Als die Enklave im Juli 1995 fiel und das Massaker von Srebrenica begann, änderte sich die Lage dramatisch: Die Kompanie wurde stattdessen nach Simin Han verlegt, wo sie bei der Aufnahme von Flüchtlingen half. In den Niederlanden wurde die Einheit später als „de vergeten compagnie” — die vergessene Kompanie — bekannt; sie war bei Kriegsende die letzte niederländische Infanterieeinheit im UNPROFOR-Einsatz und wurde erst im November 1995 durch eine schwedische Einheit abgelöst.

2019: Abriss und Rückgabe an die Natur

Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Aufgabe stand die Raketenstation Thum noch immer — verfallen, von der Vegetation überwachsen, aber strukturell erhalten. Im Januar 2019 begann der Abriss. Im Auftrag der NRW-Stiftung, die das Gelände inzwischen übernommen hatte, wurden rund 20 Gebäude sowie der markante Wachturm, betonierte Flächen und Wege beseitigt.

Drei Raketenbunker blieben bewusst erhalten: Sie dienen heute als Fledermaus-Quartiere. Mehrere Fledermausarten nutzen die kühlen, dunklen Betonräume als Winterschlaf- und Wochenstubenquartier — eine unerwartete Zweitnutzung eines Objekts, das einst für die atomare Abwehr gebaut wurde.

Das rekultivierte Gelände ist in das Naturschutzgebiet Drover Heide integriert. Das Erdwallsystem, archäologisch dokumentiert und unter Schutz gestellt, ist das einzige verbleibende bauliche Zeugnis der NATO-Station.

Ein Ort zwischen Geheimnis und Geschichte

Die Raketenstation Thum war kein Geheimnis — nicht wirklich. Die umliegenden Dörfer wussten, dass dort Raketen standen. Kinder zeigten auf die Wachtürme. Gerüchte über Atomsprengköpfe kursierten. Und doch sprach man im öffentlichen Diskurs kaum darüber; das Thema war tabu, eingebettet in die allgemeine Sprachlosigkeit des Kalten Krieges über nukleare Fragen.

Heute steht die Raketenstation Thum für ein Stück Geschichte, das immer noch nachwirkt: im Erdwall, in den Bunkern, im Wanderweg, der einmal Panzerstraße war. Und in der stillgebliebenen Frage, was diese Waffen angerichtet hätten, wenn sie je gezündet worden wären.


Bildnachweise

  • Titelbild: Papa1234, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons