Abzug, Öffnung, Wandel — Die Drover Heide nach dem Militär (2002–2005)
Ende 2004 verlassen die letzten belgischen Verbände die Drover Heide. Im November 2005 wird das Gebiet erstmals für die Öffentlichkeit freigegeben — als Naturschutzgebiet mit über 100 Jahren militärischer Geschichte im Untergrund. Die Kampfmittelräumung ist bis heute nicht abgeschlossen.
15. Mai 2026 · Aktualisiert: 16. Mai 2026
Am Ende des Jahres 2004 rollten die letzten belgischen Panzerfahrzeuge von der Drover Heide. Nach 53 Jahren intensiver militärischer Nutzung war das Plateau wieder in deutschem zivilen Gewahrsam — formell in Bundesbesitz, praktisch in der Betreuung der Biologischen Station Düren. Was folgte, war keine einfache Übergabe, sondern ein langwieriger Prozess: die Entschärfung von Munitionsresten, die Formalisierung des Schutzstatus, die vorsichtige Öffnung für Besucher und schließlich der Abriss der letzten Raketengebäude 2019.
Ende 2004: Abzug des letzten belgischen Kontingents
Die belgischen Streitkräfte hatten Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges schrittweise verlassen. Die offizielle Abschiedsfeier hatte bereits am 7. Juni 2002 in Spich stattgefunden — König Albert II. von Belgien und Bundespräsident Johannes Rau verabschiedeten symbolisch die belgische Militärpräsenz in Deutschland, die 1945 begonnen hatte. Doch das war Symbolik.
Die Drover Heide wurde bis Ende 2004 weiterhin als Truppenübungsplatz genutzt. Ein belgisches Panzerbataillon absolvierte hier noch zwei weitere Jahre Übungen, länger als die meisten anderen Standorte des Rückzugs. Erst dann war das Kapitel endgültig geschlossen: Die Tore der Drover Heide blieben zu — vorerst.
Die Hinterlassenschaft: Kampfmittel im Boden
Was die belgischen Streitkräfte hinterließen, war nicht nur eine zerfahrene Landschaft mit 600 Tümpeln. Kampfmittelreste aus fast einem Jahrhundert militärischer Nutzung lagen im Boden: Granaten und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, verschossene Munition aus Jahrzehnten belgischer Übungen, Sprengstoffrückstände.
Das Gebiet ist nach Angaben der Biologischen Station Düren munitionsbelastet — ein offiziell gebräuchlicher Begriff, der eine konkrete Gefährdungssituation beschreibt. Der Kampfmittelräumdienst NRW ist regelmäßig auf dem Gelände tätig. Doch eine vollständige Räumung ist weder möglich noch absehbar: Das Gelände ist zu groß, der Boden zu durchwühlt, die Kampfmitteltiefe zu variabel.
Das hat eine unveränderliche Konsequenz für Besucher:
LEBENSGEFAHR !
BETRETEN STRENGSTENS VERBOTEN !
2005: Formale Unterschutzstellung als NSG
Parallel zum belgischen Abzug arbeiteten Kreis Düren und das zuständige Landesamt an der förmlichen Unterschutzstellung. Im Jahr 2005 setzte der Kreis Düren die Drover Heide in den rechtskräftigen Landschaftsplänen Vettweiß und Kreuzau-Nideggen als Naturschutzgebiet (NSG) mit einer Größe von rund 670 Hektar fest. Gleichzeitig wurde damit der europäische Schutzstatus aus der FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat) in nationales Recht umgesetzt — das Gebiet ist Teil des europaweiten Schutznetzes Natura 2000 (Gebietsnummer DE-5205-301).
Die Drover Heide ist seither vierfach geschützt: als Naturschutzgebiet, als FFH-Gebiet, als EU-Vogelschutzgebiet und seit 2020 Teil des Naturparks Hohes Venn-Eifel.
November 2005: Öffnung für die Öffentlichkeit
Im November 2005 öffnete die Drover Heide erstmals für Besucher. Die Biologische Station Düren installierte neun großformatige Informationstafeln an den Zugangspunkten, die Besuchern Geschichte, Ökologie und die Verhaltensregeln im Schutzgebiet erklärten. Ein Wegenetz mit ausgewiesenen Routen wurde eingerichtet und beschildert.
Es war ein historischer Moment: Das erste Mal seit der Beschlagnahme 1951 konnten Menschen die Drover Heide frei betreten — auf freigegebenen Wegen, mit Informationen ausgestattet, unter klaren Regeln. Dass diese Regeln zugleich das Betreten des Geländes abseits der Wege verboten, machte die besondere Natur des Ortes deutlich: ein Naturschutzgebiet, das zugleich ein ehemaliges militärisches Sperrgebiet blieb.
Biostation Düren: Naturschutzbetreuung seit 1999
Die Biologische Station im Kreis Düren e.V. hatte das Schutzgebiet bereits seit 1999 fachlich betreut — noch während des belgischen Militärbetriebs, im Auftrag des damaligen Eigentümers (der Bundesagentur für Immobilienaufgaben, BIMA). Diese frühe Betreuung ermöglichte eine detaillierte Bestandsaufnahme von Flora und Fauna und schuf die Grundlage für das spätere Wegekonzept.
Zu den Aufgaben der Biostation gehören: die Erfassung und das Monitoring von Tier- und Pflanzenarten, die Koordination von Pflegemaßnahmen (Entbuschung, Beweidung, kontrolliertes Brennen), das Wegekonzept sowie die Öffentlichkeitsarbeit.
Ein Gebiet im Wandel — und eine bleibende Warnung
Die Drover Heide heute ist ein Paradox: eine der artenreichsten Heide- und Moorlandschaften in NRW, geschaffen durch militärischen Zerstörungswillen. Die Tümpel sind Panzerspuren, die Heiden wuchsen auf verdichtetem Panzerboden, die Fledermäuse schlafen in Raketensilos.
Diese Geschichte ist nicht abgeschlossen. Kampfmittelräumer arbeiten regelmäßig auf dem Gelände. Blindgänger werden gefunden — manchmal nach Starkregen, der alte Schichten aufwühlt. Die Warnung an den Zugangspunkten ist keine Formalität: Sie beschreibt eine reale Gefahr, die niemand vollständig kennt.
Die Drover Heide kann begangen werden. Auf den freigegebenen Wegen. Nicht einen Schritt weiter.