Mit Feuer und Herden — Aktive Landschaftspflege auf der Drover Heide
Heide wächst nicht von selbst. Schottische Hochlandrinder, Thüringer Waldziegen, Schafe und kontrolliertes Brennen halten die offene Landschaft der Drover Heide seit 2005 am Leben — koordiniert von der Biologischen Station Düren.
22. Mai 2026
Ohne aktive Pflege würde die Drover Heide innerhalb weniger Jahrzehnte verschwinden — nicht durch menschliche Eingriffe, sondern durch die Natur selbst. Birken und Zitterpappeln wandern unaufhörlich ein; Schilf überwächst die Tümpel; die Besenheide vergreist und wird monoton. Rund 1000 Jahre lang hatten Panzer unfreiwillig die Arbeit übernommen. Seit 2005 tun es Schottische Hochlandrinder, Thüringer Waldziegen und kontrolliertes Feuer.
Die Herausforderung: Heide ist kein Gleichgewicht
Offene Heide- und Magerrasenflächen sind keine stabilen Endstadien der Natur. Sie sind Übergangsstadien — ökologisch hochwertig, aber nur durch Störungen aufrechtzuerhalten. Die verdichteten, mageren Böden der Drover Heide entstanden durch Jahrzehnte intensiven Panzerbetriebs. Auf diesen Flächen hat sich die Besenheide (Calluna vulgaris) angesiedelt, zusammen mit seltenen Grasfluren, Pioniervegetation und mehr als 700 Kleingewässern.
Doch ohne Störung setzt sofort die natürliche Sukzession ein. Das Kreisjahrbuch 2007 der Biologischen Station Düren formuliert es präzise:
Die auf den strapazierten Böden wachsenden Heiden sind nur ein Zwischenstadium der natürlichen Entwicklung in Richtung Wald.
— Biologische Station Düren, Jahrbuch des Kreises Düren 2007
Birken und Zitterpappeln sind die Pioniere — und mit ihnen verliert das Offenland seine Funktion als Lebensraum für Ziegenmelker, Heidelerche und Kreuzkröte.
Drei Instrumente halten diesen Prozess in Schach: Beweidung, kontrolliertes Brennen und mechanische Entbuschung.
Die Biologische Station Düren: Koordination seit 1999
Die Biologische Station im Kreis Düren e.V. betreut die Drover Heide seit 1999 — noch während der belgischen Militärnutzung, im Auftrag des damaligen Eigentümers (Bundesagentur für Immobilienaufgaben, BIMA) und der Unteren Landschaftsbehörde Düren. Diese frühe Betreuung ermöglichte eine systematische Ersterfassung von Flora und Fauna, die zur Grundlage des späteren Schutz- und Pflegekonzepts wurde.
Zu den heutigen Aufgaben der Biostation gehören: Monitoring von Tier- und Pflanzenarten, Planung und Koordination aller Pflegemaßnahmen, das Wegekonzept zur Besucherlenkung sowie die naturschutzfachliche Beratung der Eigentümerin NRW-Stiftung (Eigentümerin seit April 2016). Die Biostation ist die operative Schaltstelle zwischen Schutzgebietsrecht und Praxis auf der Fläche.
Beweidung: Hochlandrinder, Waldziegen, Schafe
Schafe im Norden — eine lange Tradition
Im nördlichen Teil der Drover Heide, entlang der alten Verbindungsstraße zwischen Drove und Soller, werden Grünlandflächen seit langem durch Schafe in extensiver Hütehaltung beweidet. Schafe verbessern die Vegetationszusammensetzung auf charakteristische Weise: Sie verbeißen selektiv Gräser und meiden die Besenheide — wodurch die Heidevegetation auf Kosten der Graskonkurrenz gefördert wird. Zusätzlich treten sie Heidesamen in den Boden und schaffen neue Ankeimbetten, denn die Besenheide braucht offenen Rohboden zum Keimen.
Hochlandrinder und Waldziegen seit 2005
Im Jahr 2005 — unmittelbar nach der Öffnung des Gebietes — wurden südlich der alten Kreisstraße drei ausgedehnte Weidekoppeln eingerichtet. Auf einer Gesamtfläche von knapp 150 Hektar beweiden seitdem Rinder und Ziegen die ehemaligen Panzerübungsflächen. Die Koppeln liegen bewusst zwischen den freigegebenen Wanderwegen, sodass der Besucherzugang nicht beeinträchtigt wird.
Die Wahl der Tierrassen war das Ergebnis europäischer Erfahrungen: In den Niederlanden wurden umfangreiche Erkenntnisse zur Beweidung großer Heidegebiete gesammelt. Schottische Hochlandrinder (Bos taurus, Rasse Highland Cattle) haben sich dabei als besonders geeignet erwiesen — robust, anspruchslos in der Ernährung und in der Lage, auch grobe Vegetation und aufkommende Gehölze zurückzudrängen.
Ergänzt werden sie durch Thüringer Waldziegen (Capra aegagrus hircus, Rasse Thüringer Wald): Ziegen sind bei der Entkusselung unübertroffen. Sie fressen bevorzugt das, was Rinder und Schafe meiden — Birken, Zitterpappeln, Weiden, Brombeeren, Ginster und junge Kiefern. Das Zusammenspiel von Rindern und Ziegen erzeugt eine strukturreiche, abwechslungsreiche Heidelandschaft.
Die Versorgung der Tiere übernehmen ortsansässige Landwirte, die eine wirtschaftliche Partnerschaft mit dem Naturschutz eingegangen sind. Die Tiere bleiben über die Vegetationsperiode auf dem Gelände — ihre Anwesenheit ist für Besucher auf den angrenzenden Wanderwegen sichtbar und oft ein Höhepunkt des Ausflugserlebnisses.
Feuerökologie: Kaltes Feuer im Winter
Seit 2007 gehört kontrolliertes Brennen fest zum Pflegekalender der Drover Heide. In jedem Winterhalbjahr werden 10 bis 15 Hektar Heidefläche gezielt abgebrannt — eine Methode, die in NRW lange umstritten war, sich aber in der Praxis als besonders wirksam erwiesen hat.
Warum Feuer?
Alte Heidebestände verlieren über die Zeit ihre ökologische Qualität: Die Besenheide verholzt, der Bestand wird monoton, seltene Begleitarten verschwinden. Brennen unterbricht diesen Prozess radikal. Abgebrannte Flächen bieten:
- Offenen Rohboden für keimende Heidesamen und Pionierpflanzen
- Strukturelle Vielfalt durch das Mosaik aus Abbrandfläche, junger Heide und alter Heide
- Offene Brutbereiche für bodenbrütende Vögel wie Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus) und Heidelerche (Lullula arborea)
Kaltes Feuer — die Technik
Der entscheidende Faktor ist der Zeitpunkt. Das Feuer wird ausschließlich in den Wintermonaten gelegt — nach Möglichkeit bei frostigem, trockenem Wetter mit stabilen Ostwindlagen. In dieser Zeit sind Zugvögel in den Süden gezogen; andere Tiere überwintern geschützt im Boden.
Das sogenannte „kalte Feuer” (Mitwindfeuer) läuft mit dem Wind: Das oberirdische Material verbrennt schnell, aber bereits in wenigen Zentimetern Bodentiefe ist keine Temperaturerhöhung mehr festzustellen. Bodenbewohnende Überwinterer — Amphibien, Insekten, Reptilien — überleben in der Regel unbeschadet. Ganz anders das „heiße Feuer” gegen den Wind, das tiefe Temperaturen im Boden erzeugt; dieses wird auf der Drover Heide bewusst vermieden.
Das Brennfenster liegt in der Regel zwischen dem 15. Februar und dem 15. März — wenige Tage im Jahr, an denen Wetter und Windrichtung stimmen.
Eine historische und wissenschaftliche Einordnung
Kontrolliertes Brennen gehört zu den ältesten Bewirtschaftungsformen der mitteleuropäischen Heidelandschaft — seit dem Mittelalter belegt. Im 20. Jahrhundert verdrängte der Naturschutzgedanke das Feuer aus der Praxis: Gesetzliche Regelungen verboten offenes Feuer flächendeckend. Auf militärischen Übungsgeländen blieb die Tradition bestehen: Verbrennungsübungen und Zufallsbrände durch den Schießbetrieb hielten den Lebensraum Heide offen.
Das Bundesamt für Naturschutz legte 2009 eine umfassende Grundlagenstudie vor (Goldammer et al., Naturschutz und Biologische Vielfalt, Band 73), die kontrolliertes Brennen auf ehemaligen Truppenübungsplätzen wissenschaftlich validiert. Dokumentiert werden Erfahrungen aus dem Naturschutzgroßprojekt Lüneburger Heide, wo zwischen 1993 und 2007 über 176 ha mit dem Mitwindfeuer behandelt wurden — mit dem Ergebnis, dass die Bodenfauna weitgehend unversehrt bleibt und die Heide zuverlässig regeneriert.
Auf der Drover Heide entstanden während der Militärzeit regelmäßig Zufallsbrände durch den Schießbetrieb; hinzu kam gezieltes Abfackeln zur Vorbeugung unkontrollierbarer Großbrände. Viele der artenreichsten Flächen der heutigen Drover Heide sind genau jene, die regelmäßig brannten. Das kontrollierte Brennen setzt diese Dynamik — unter geregelten Bedingungen — fort.
Die ordnungsbehördliche Verordnung des Kreises Düren (2016) verbietet in §4 das Entzünden von Feuer auf der Drover Heide. §5 nimmt die Biologische Station Düren und ihre Beauftragten jedoch ausdrücklich von diesem Verbot aus — das kontrollierte Brennen der Biostation ist damit klar geregelt und rechtlich abgesichert.
Mechanische Entbuschung
An Stellen, die für Beweidung zu dicht oder für gezielte Brände zu unzugänglich sind, kommt mechanische Entbuschung zum Einsatz. Motorsäge, Freischneider und gelegentlich schweres Gerät rücken dem Aufwuchs zu Leibe — Birken, Wacholder, Kiefern, Schlehdorn. Die Biomasse wird, soweit möglich, abgefahren, um keine Nährstoffe in das nährstoffarme System einzutragen.
Die Entbuschung ist die arbeitsintensivste und teuerste Methode. Sie ist dort unverzichtbar, wo Sukzession schneller voranschreitet als Weide- oder Feuermaßnahmen sie aufhalten können.
Die Tümpel: 700 Lebensräume erhalten
Mehr als 700 Tümpel und flache Kleingewässer prägen die Drover Heide — entstanden als Panzerspuren der belgischen Streitkräfte (NRW-Stiftung, Jahresbericht 2019). Diese temporären Gewässer sind ein ökologischer Sonderfall: In ihnen leben Arten, die in der Normallandschaft kaum noch Raum finden.
Amphibien wie die Kreuzkröte (Epidalea calamita), der Laubfrosch (Hyla arborea), der Springfrosch (Rana dalmatina) und der Kammmolch (Triturus cristatus) nutzen die flachen, sich schnell erwärmenden Gewässer zur Fortpflanzung. Seltene Urzeitkrebse — der Sommer-Schildkrebs (Triops cancriformis) und der Sommer-Feenkrebs (Branchipus schaefferi) — kommen in Deutschland heute fast ausschließlich auf ehemaligen Truppenübungsplätzen vor; die Drover Heide ist eines ihrer letzten Refugien.
Warum sind ehemalige Panzergelände für diese Arten so unersetzlich? Der Panzerbetrieb erzeugte offene Rohbodenstrukturen und temporäre Flachgewässer — exakt die Lebensraumqualitäten, die in der Normallandschaft nahezu verschwunden sind. Eine Studie von Olthoff & Wittjen (2020) zu den Borkenbergen (NRW), einem vergleichbaren ehemaligen Truppenübungsplatz, belegt: Die Pionierarten der Panzerfahrspuren sind heute auf diese Strukturen angewiesen — verlieren die Spuren ihre Offenheit, erlischt die Population.
Im Frühling zeigen die Panzerpisten ein botanisches Phänomen: Zehntausende winziger Fadenenziane (Cicendia filiformis) blühen auf den vegetationsarmen, feuchten Fahrspuren — ein gelbes Blütenmeer auf wenige Wochen beschränkt. Die Art gilt in NRW als vom Aussterben bedroht und findet hier eines ihrer wenigen verbliebenen Vorkommen.
Die Pflege konzentriert sich auf den Erhalt der Gewässerdynamik: Verlanden Tümpel durch Schilf oder Weiden, werden sie freigestellt. Wo Tümpel durch Sukzession aus der Offenlandstruktur herausfallen, verlieren sie ihren ökologischen Wert.
Was die Pflege bewirkt
Über 130 Vogel-, 10 Amphibien- und 21 Libellenarten konnten in der Drover Heide nachgewiesen werden.
— NRW-Stiftung, Jahresbericht 2019
Der Erfolg der Pflegemaßnahmen lässt sich in Zahlen messen. Die Drover Heide beherbergt heute:
- 460 Farn- und Blütenpflanzenarten — eine außergewöhnliche Dichte für eine Fläche dieser Größe
- Über 130 Vogelarten, darunter 12 gefährdete Brutvogelarten und 25 gefährdete Gastvogelarten
- Über 30 Brutpaare des Ziegenmelkers (Caprimulgus europaeus) — eine der landesweit höchsten Bestandsdichten dieser Art
- 21 Libellenarten an den 700 Tümpeln und Flachgewässern
- 10 Amphibienarten, darunter Kreuzkröte (Epidalea calamita), Springfrosch und Laubfrosch
- 17 Heuschreckenarten und 38 Tagfalterarten
Keiner dieser Werte wäre ohne kontinuierliche Pflege denkbar. Die Artenvielfalt ist keine Naturgegebenheit — sie ist das Ergebnis jahrelanger, abgestimmter Arbeit.
Munitionsbelastung als dauerhafter Vorbehalt
Alle Pflegemaßnahmen auf der Drover Heide stehen unter einem besonderen Vorbehalt: dem munitionsbelasteten Untergrund. Der Kampfmittelräumdienst NRW ist regelmäßig auf dem Gelände aktiv. Maschinen können nur dort eingesetzt werden, wo der Untergrund ausreichend geprüft ist. Brennmaßnahmen berücksichtigen Sicherheitsabstände. Die Weidekoppeln wurden so angelegt, dass keine unkontrollierten Bereiche betreten werden.