Flora der Drover Heide — 460 Pflanzenarten auf nährstoffarmen Böden
Flora der Drover Heide: 460 Farn- und Blütenpflanzenarten auf nährstoffarmen Böden, darunter 19 Rote-Liste-Arten in Kleingewässern und Heideflächen.
11. Mai 2026 · Aktualisiert: 25. Mai 2026
Auf einer Gesamtfläche von rund 670 Hektar wurden in der Drover Heide 460 Farn- und Blütenpflanzenarten nachgewiesen. Für ein Gebiet dieser Größe in der Niederrheinischen Bucht ist das ungewöhnlich viel. Die Drover Heide ist nährstoffarm, hydrologisch extrem und durch Jahrzehnte militärischer Störung geprägt; diese Bedingungen schufen Standorte, auf denen Arten überleben, die anderswo längst verdrängt wurden. [1][2]
Böden und Geologie als Grundlage
Die Pflanzengesellschaften der Drover Heide sind nicht zufällig. Sie gehen auf die Bodenstruktur des Stockheimer Waldhorsts zurück. Der Untergrund besteht aus Hauptterrassenschottern der Eifelflüsse; in den oberen Horizonten sind durch fossile Bodenbildung Eisen- und Manganverbindungen eingelagert, die eine natürliche Stauschicht bilden. Niederschlagswasser kann nicht ungehindert versickern und staut sich im Oberboden. [1]
Bank-Signon & Patzke (1986) beschreiben in ihrer Vegetationsstudie, wie sich aus dieser Kombination von Staunässe und nährstoffarmem Kiessubstrat eine Bodenzonierung ergibt, die von trockenen Heidekämmen bis zu dauerhaft vernässten Mulden reicht. In den Dellen entstanden die zahlreichen Kleingewässer, viele davon verstärkt durch die Fahrspuren des Militärbetriebs. Eben diese wechselfeuchten, nährstoffarmen Standorte sind die botanischen Kernflächen des Gebiets. [1]
Die prägenden Pflanzengesellschaften
Calluna-Heide und Magerrasen
Die weithin sichtbare Besenheide (Calluna vulgaris) gehört zur Klasse der Nardo-Callunetea — Heide- und Magerrasengesellschaften nährstoffarmer Böden. Neben der Besenheide sind Carex pilulifera, Danthonia decumbens, Luzula campestris und Potentilla erecta Klassencharakterarten. In frischen bis feuchten Heidelagen ist Molinia caerulea (Pfeifengras) stark vertreten. Bank-Signon & Patzke bezeichnen solche Bestände als Calluno-Genistetum molinietosum. [1]
In trockenen Abschnitten wächst Genista anglica (Englischer Ginster), in den feuchten Pfeifen- und Reitgrasfluren Scutellaria minor und Selinum carvifolia — beides Rote-Liste-Arten, die auf wenige Sonderstandorte in NRW beschränkt sind. [1]
Zwergbinsen- und Strandlingsgesellschaften
Botanisch besonders wertvoll sind die Pflanzengesellschaften der nährstoffarmen Kleingewässer und deren Ränder. Bank-Signon & Patzke (1986) haben vier Gesellschaften für die Drover Heide detailliert untersucht:
Das Cicendietum filiformis ist nach dem Fadenenzian (Cicendia filiformis) benannt und eine der seltensten Pflanzengesellschaften Mitteleuropas. Die Juncus tenageia-Gesellschaft besiedelt zeitweise austrocknende Uferzonen nährstoffarmer Gewässer. Das Peplido-Limoselletum ist eine Teichbodengesellschaft mit dem Schlammling (Limosella aquatica) als Kennart. Das Pilularietum globuliferae schließlich wird vom Pillenfarn (Pilularia globulifera) aufgebaut — einer aquatischen Farnpflanze, die in Deutschland stark gefährdet ist. [1]
Die wechselfeuchten, nährstoffarmen Standorte der ehemaligen Panzerfahrspuren bilden heute die botanischen Kernflächen und beherbergen einige der seltensten Pflanzengesellschaften Mitteleuropas.
— Bank-Signon & Patzke, 1986
Alle vier Gesellschaften stehen europaweit auf der Roten Liste der Pflanzengesellschaften. Ihr gemeinsames Merkmal ist die Abhängigkeit von offenen, periodisch überfluteten Schlamm- und Feinsandböden ohne Beschattung und ohne Nährstoffeintrag. [1]
Rote-Liste-Arten
Bereits 1980 listete ein Gutachten für das damals noch militärisch genutzte Gebiet 13 Rote-Liste-Arten unter den Kormophyten auf (nach Korneck et al. 1977): Centaurium pulchellum, Centunculus minimus, Cicendia filiformis, Genista anglica, Juncus tenageia, Limosella aquatica, Pedicularis sylvatica, Pilularia globulifera, Potamogeton berchtoldii, Radiola linoides, Scutellaria minor, Selinum carvifolia und Veronica scutellata. Bank-Signon & Patzke ergänzten diese Liste durch sechs weitere gefährdete Arten: Ajuga pyramidalis, Gentiana pneumonanthe (Lungenenzian), Goodyera repens (Netzblatt), Polygala serpyllifolia, Salix repens ssp. repens und Viola canina. [1]
Einzelne dieser Arten — etwa der Fadenenzian oder der Pillenfarn — gelten als Indikator für intakte, nährstoffarme Gewässerränder. Ihr Rückgang in der Agrarlandschaft hängt fast ausnahmslos mit Eutrophierung, Entwässerung und Beschattung zusammen. In der Drover Heide bestehen sie fort, weil die Standortbedingungen erhalten geblieben sind. [1]
Sukzession als dauerhafte Bedrohung
Ohne Eingriff würde sich die Drover Heide, wie Bank-Signon & Patzke formulieren, in Richtung der potentiellen natürlichen Vegetation entwickeln — feuchter Eichen-Buchenwald und Hainsimsen-Buchenwald. Die offenen Flächen sind kein Endstadium, sondern ein Übergangszustand, der nur durch Störungen erhalten wird. Birken, Zitterpappeln, Wacholder, Weiden und Ginster wandern nach. Mit zunehmender Beschattung verschwinden zunächst die lichtbedürftigen Pionierarten, darunter viele der genannten Rote-Liste-Pflanzen. [1]
Das Kreisjahrbuch 2007 der Biologischen Station Düren beschreibt dieselbe Dynamik: Die Heiden seien nur ein Zwischenstadium auf dem Weg zum Wald. Beweidung, kontrolliertes Brennen und mechanische Entbuschung sollen diesen Prozess verlangsamen — nicht aufhalten, sondern auf einem bestimmten Sukzessionsstadium halten, das die größte botanische Vielfalt aufweist. Die Methoden dieser Pflege sind ausführlich im Artikel Mit Feuer und Herden beschrieben. [2]
Natura 2000 und Schutzstatus
Das Gebiet ist als FFH-Gebiet DE-5205-301 gemeldet. Die Erhaltungsziele benennen vier Lebensraumtypen, die den Kern der botanischen Schutzwürdigkeit ausmachen: feuchte Heidegebiete mit Glockenheide (LRT 4010), trockene Heidegebiete (LRT 4030), Pfeifengraswiesen auf nährstoffarmen Böden (LRT 6410) und nährstoffarme Stillgewässer mit Pioniervegetation (LRT 3130). Pflegemaßnahmen müssen so angelegt sein, dass sie den Erhaltungszustand dieser Lebensräume verbessern oder zumindest nicht verschlechtern. [5]