Militär

Preußen, Kaiser und Erster Weltkrieg — Die Drover Heide wird Exerzierplatz

Nach dem Wiener Kongress 1815 gehören Drove und die Drover Heide zu Preußen. Ein Jahrhundert später, im Ersten Weltkrieg, beschlagnahmt das Kaiserliche Heer die nährstoffarme Heidefläche als Exerzierplatz und Rekrutenausbildungsgelände — der Beginn einer 90-jährigen Militärgeschichte.

15. Mai 2026 · Aktualisiert: 15. Mai 2026

Als Napoleon 1815 endgültig besiegt war, zeichneten die Siegermächte auf dem Wiener Kongress die Karte Europas neu. Das Herzogtum Jülich — und damit die Orte Drove und Kreuzau — fiel an das Königreich Preußen. Was bis dahin ein rheinisches Territorium mit eigenem Recht, eigener Verwaltung und eigener Geschichte war, wurde Teil eines preußisch-deutschen Staates, der die nächsten hundert Jahre immer stärker vom Militär geprägt werden sollte. Am Ende dieser Entwicklung stand das Jahr 1914 — und der Beginn einer neunzigjährigen Militärgeschichte der Drover Heide.

Preußen übernimmt das Rheinland (1815)

Der Wiener Kongress vom September 1814 bis Juni 1815 brachte eine fundamentale Neuordnung. Die Herzogtümer Jülich und Berg wurden dem Königreich Preußen zugesprochen. Preußen war damit erstmals dauerhaft im Rheinland präsent — und das rheinische Bürgertum, das unter Napoleon bereits Gleichheit vor dem Gesetz kennengelernt hatte, stand einer streng monarchistischen, oft bürokratischen preußischen Verwaltung gegenüber.

Für die Gemeinden Kreuzau und Drove bedeutete dies die Eingliederung in die preußische Kreisordnung. Das Gebiet gehörte fortan zum Kreis Düren im Regierungsbezirk Aachen, Provinz Rheinland. Die Bevölkerungszahlen von 1826 geben einen Eindruck der damaligen Verhältnisse: Kreuzau zählte 488 Einwohner, Drove 404, Stockheim 321. Alle drei Dörfer lebten von der Landwirtschaft, dem Handwerk — und im Falle Kreuzaus — von der aufblühenden Papierindustrie an der Rur.

Die Drover Heide selbst war in dieser Phase das, was sie Jahrhunderte gewesen war: nährstoffarmes Heide- und Waldland, das als gemeinschaftliche Weide (Allmende) und Holzlieferant genutzt wurde. Für den preußischen Staat war sie vorerst ohne Bedeutung.

Das 19. Jahrhundert: Eisenbahn, Industrie und aufsteigender Militarismus

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte die Region grundlegend. Mit dem Bau der Eisenbahn — die Strecke Düren–Aachen ab 1841 — beschleunigte sich die Industrialisierung des Rurtals erheblich. Die Papierindustrie in Kreuzau wuchs rapide; Namen wie Hoesch, Lüttgen und Kayser prägten die lokale Wirtschaft. Kreuzau wuchs von 488 Einwohnern (1826) auf 2574 (1925), Drove wuchs moderater auf 1101 Einwohner.

Gleichzeitig veränderte sich der preußische Staat selbst. Nach dem Deutschen Krieg (1866) und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs (1871) unter Preußens König Wilhelm I. wurde das Militär zur dominanten Institution des Landes. Kaiser Wilhelm II. (regierte 1888–1918) trieb die Aufrüstung und Flottenpolitik systematisch voran. Das Deutsche Reich baute in dieser Phase ein schlagkräftiges Massenaufgebot auf, das regulärer Ausbildungsgelände bedurfte.

Für Gebiete wie die Drover Heide — sandig, nährstoffarm, weitgehend flach, dünn besiedelt und an keiner Bahnlinie gelegen — konnte das langfristig Konsequenzen haben.

1914: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Allmende

Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet. Die Eskalationskette war kurz: Am 1. August 1914 erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg. Was folgte, war der erste industriell geführte Krieg der Geschichte — und er erforderte eine nie dagewesene Masse an Soldaten.

Das Kaiserliche Heer benötigte dafür Gelände zur Rekrutenausbildung in Reichweite der Industrieregionen Rheinland und Westfalen. Die Drover Heide erfüllte die Kriterien, die militärische Planer anlegen mussten: großflächig, weitgehend unbebaut, abseits der Siedlungen, schwer zugänglich für die Zivilbevölkerung, und — entscheidend — von so geringem landwirtschaftlichem Wert, dass die Beschlagnahme keine nennenswerten Entschädigungen nach sich zog.

Ab 1914 war das Gebiet Exerzierplatz und diente der Rekrutenausbildung. (EIFELON, 2015) Mit dieser Einrichtung endete die jahrhundertelange zivile Nutzung der Drover Heide als Allmende. Das Gebiet wurde für die Bevölkerung gesperrt und militärisch genutzt. Drove, das unmittelbar an der Heide lag, spürte diesen Wandel unmittelbar: Offiziershäuser wurden im Ort gebaut, die noch heute stehen und als steinernes Zeugnis der Kaiserzeit erhalten sind. (Siedlungsgeschichte Kreuzau)

Krieg und seine Folgen für Drove

Der Erste Weltkrieg traf die Bevölkerung von Drove und Kreuzau wie alle anderen deutschen Gemeinden: Einberufungen, Rationierungen, Verluste. Die Siedlungsgeschichte der Gemeinde Kreuzau schildert eindringlich, wie aus anfänglicher Begeisterung schnell Kriegsverdrossenheit wurde. Pferde und Wagen wurden beschlagnahmt, Kirchenglocken für Kanonenguss eingeschmolzen, Lebensmittel rationiert. Gefallene waren in jedem Dorf zu beklagen.

Die Drover Heide diente derweil ihrem neuen Zweck: Tausende von Rekruten übten auf dem sandigen Gelände, das mit seinen freien Heideflächen dem Zug- und Gefechtsübungsbetrieb ideal entsprach. Sichtbare Spuren dieser Nutzungsphase sind, anders als bei der späteren belgischen Panzerstrecke, heute kaum noch auszumachen — die frühe Nutzung als reiner Exerzierplatz (Fußtruppen, Marschübungen) hinterließ keine tiefen Eingriffe ins Gelände.

Niederlage, Besatzung und Weimarer Republik

Am 11. November 1918 endete der Krieg mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Deutschland verlor, Kaiser Wilhelm II. dankte ab, die Weimarer Republik wurde ausgerufen. Für das Rheinland begann eine fünfzehnjährige Besatzungszeit: Frankreich, Großbritannien, Belgien und die USA sicherten mit Truppenpräsenz die deutschen Reparationszahlungen. Franzosen besetzten die Region ab Dezember 1918 und blieben das prägende Machtfaktor des westrheinischen Alltags.

Das Militärgelände der Drover Heide war damit vorläufig im Zustand des Kriegsendes eingefroren. Mit der Weimarer Republik galt das Rheinland offiziell als entmilitarisierte Zone — keine deutschen Streitkräfte waren erlaubt. Die Drover Heide lag in diesem Sinne brach oder stand unter alliierter Kontrolle. Die Franzosen nutzten nach Berichten Felder zu Manövern (was erheblichen Schaden an der Ernte verursachte) und schürten damit den wachsenden Groll der Bevölkerung.

Erst mit dem vollständigen Abzug der Alliierten (letzter Abzug aus dem Rheinland: 1930) kehrten die Regeln des Vertrages von Versailles nominell zurück — Deutschland durfte keine eigene Militärpräsenz mehr unterhalten. Die Drover Heide war damit in dieser Phase kein aktives Übungsgelände.

Das Ende einer Epoche — und der Beginn des nächsten Kapitels

Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten 1933 und der offenen Aufrüstung ab 1935 änderte sich die Situation grundlegend. Die Wehrmacht baute die Drover Heide als Übungsgelände wieder auf und weiter aus. Die Periode von 1914 bis 1918 war jedoch der entscheidende Moment: Hier wurde aus einem Allmende-Gelände ein militärischer Sperrbereich — eine Transformation, die neunzig Jahre dauern und die Drover Heide unwiederbringlich prägen sollte.

Paradoxerweise ist gerade diese Abschottung der Grund dafür, dass die Drover Heide heute eines der wertvollsten Naturschutzgebiete Nordrhein-Westfalens ist. Was die Besitzer des 19. Jahrhunderts als wertlos abgestempelt hatten, was das Militär als Trainingsgelände nutzte, ist heute Lebensraum für Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus), Heidelerche (Lullula arborea) und über 460 Farn- und Blütenpflanzenarten — das Ergebnis einer erzwungenen Ruhe, die niemand geplant hatte.