Militär

Wehrmacht, Krieg und Beschuss — Die Drover Heide im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg

Mit der NS-Machtergreifung und der Remilitarisierung des Rheinlands kehrt die Wehrmacht auf den Drover-Heide-Übungsplatz zurück. Im Zweiten Weltkrieg liegt das Gelände mitten in der Frontlinie — Bombardierungen und Beschuss hinterlassen eine Munitionsbelastung, die bis heute gefährlich ist.

15. Mai 2026 · Aktualisiert: 15. Mai 2026

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der alliierten Besatzung des Rheinlands war die Drover Heide als offizieller Militärübungsplatz vorläufig verwaist. Das Versailler Vertragsrecht verbot Deutschland eigene Streitkräfte im Rheinland; nach dem vollständigen Abzug der Alliierten 1930 blieb das Gebiet zunächst ohne militärische Nutzung. Das sollte sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 grundlegend ändern — einem Regime, das die Welt in den verheerendsten Krieg der Geschichte treiben würde. Am Ende dieses Kapitels standen Bomben, Beschuss und eine jahrzehntelange Munitionsbelastung, die bis heute jeden Schritt abseits der Wege gefährlich macht.

Die NS-Remilitarisierung und das Rheinland

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Innerhalb weniger Jahre baute das NS-Regime unter Bruch des Versailler Vertrags eine neue Massenstreitmacht auf: die Wehrmacht. Das öffentliche Eingeständnis der Aufrüstung erfolgte am 16. März 1935 mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Ein Jahr später, am 7. März 1936, marschierte die Wehrmacht in die entmilitarisierte Rheinlandzone ein — ein Bruch des Locarno-Vertrags, dem die westlichen Mächte tatenlos zusahen.

Für die Region um Düren und Kreuzau bedeutete dies die Rückkehr militärischer Präsenz. Die Drover Heide, die bereits im Ersten Weltkrieg als Exerzierplatz gedient hatte, eignete sich erneut als Truppenübungsgelände. Die vorhandene Infrastruktur — das flache, weitgehend unbebaute Heideplateau — ließ sich schnell reaktivieren. Die Wehrmacht nutzte das Gebiet für Marsch- und Schießübungen, wie es die Garnison in Düren schon 1914 getan hatte.

Das Rheinland und der Kreis Düren wurden in diesen Jahren wieder zur militärischen Aufmarschzone. Die Düren-Kasernen füllten sich mit Rekruten. Drove selbst blieb ein kleines Bauerndorf, aber die Nähe zum Übungsgelände machte sich im Alltag bemerkbar: militärische Fahrzeuge auf den Dorfstraßen, Übungsschüsse aus der Heide, eine allgegenwärtige Präsenz des NS-Militärstaates.

Krieg kommt nach Düren: 1939–1944

Am 1. September 1939 begann das NS-Regime mit dem Überfall auf Polen einen Angriffskrieg, der Europa und die Welt in den schlimmsten Konflikt der Geschichte stürzte. Dieser Krieg war nicht das Ergebnis geopolitischer Umstände, sondern die direkte Folge der nationalsozialistischen Ideologie und ihrer Expansionspolitik. Millionen Menschen bezahlten ihn mit dem Leben — unter ihnen Soldaten aus Drove, Kreuzau und den umliegenden Dörfern, die eingezogen und an die Front geschickt wurden. Viele kehrten nicht zurück.

Die Drover Heide diente weiterhin als Übungsgelände für die Ausbildung von Rekruten, die dann nach Frankreich (1940), Nordafrika und Russland geschickt wurden. Der Krieg blieb den ersten Jahren weit entfernt. Das änderte sich dramatisch mit dem Sommer 1944: Die alliierten Streitkräfte landeten im Juni 1944 in der Normandie und befreiten Westeuropa Schritt für Schritt vom NS-Regime. Im September 1944 wurde Aachen als erste deutsche Großstadt durch die Alliierten befreit. Nur wenige Kilometer westlich der Drover Heide wurde in diesen Wochen gekämpft.

Die Katastrophe von Düren: 16. November 1944

Die Stadt Düren, 15 Kilometer nördlich der Drover Heide, erlebte am 16. November 1944 eine der schlimmsten Bombardierungen des gesamten Westfeldzugs. Im Rahmen der amerikanischen Operation Queen — der Vorbereitung für die Offensive in Richtung Ruhr — warfen allierte Bomber an einem einzigen Tag rund 9.700 Tonnen Bomben auf Düren, Jülich und Heinsberg. Düren wurde dabei zu etwa 97 Prozent zerstört und gehört damit zu den am stärksten zerstörten Städten Deutschlands im Zweiten Weltkrieg.

Die Drover Heide selbst lag in dieser Zeit im militärischen Hinterland der deutschen Verteidigungslinien. Das Plateau eignete sich für Artilleriestellungen, Feldlager und den Rückzug von Truppenverbänden. Mit dem Vorrücken der Alliierten durch die Eifel im Winter 1944/45 gerieten auch die Heide und ihr Umland unter Artilleriebeschuss.

Der Hürtgenwald und die Front vor der Heide

Nur wenige Kilometer südlich der Drover Heide tobte von September 1944 bis Februar 1945 die Schlacht im Hürtgenwald — einer der längsten und verlustreichsten Kämpfe auf deutschem Boden. Amerikanische und deutsche Truppen rangen um einen dicht bewaldeten Eifelrücken; die Verluste auf beiden Seiten waren enorm. Diese Front verlief nah genug, dass Artilleriegranaten und Blindgänger auch das Gebiet der Drover Heide erreichten.

Am 23. Februar 1945 überquerten amerikanische Einheiten die Rur und stießen Richtung Rhein vor. Die deutsche Westfront brach zusammen. In den letzten Kriegswochen waren die Heide und ihr Umland Rückzugsgebiet, Durchmarschzone und zuletzt befreites Gebiet. Der Krieg hinterließ nicht explodierte Granaten, Minen und Munition — sowohl von deutscher als auch von alliierter Seite. Dieser Munitionseintrag gilt bis heute als eine der Hauptursachen für die anhaltende Kampfmittelbelastung des Gebiets.

Das Erbe des Krieges: Munition als bleibende Gefahr

Das Naturschutzgebiet Drover Heide ist wegen Bombardierungen und Beschuss am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie durch die jahrzehntelange Nutzung als Truppenübungsplatz munitionsbelastet. Der Kampfmittelräumdienst NRW ist regelmäßig tätig, um gefundene Munitionsreste zu sichern und zu entschärfen. Dennoch kann eine vollständige Räumung des Geländes nicht gewährleistet werden — zu groß ist die Fläche, zu tief liegen manche Blindgänger im Boden.

Das bedeutet für Besucher: Das Gebiet darf ausschließlich auf den markierten Wanderwegen begangen werden. Ein Verlassen der Wege ist verboten und lebensgefährlich. Die Schilder am Eingang zur Drover Heide sind keine bürokratische Vorsichtsmaßnahme — sie sind eine direkte Warnung vor einer realen Gefahr, die der Zweite Weltkrieg in dieser Landschaft hinterlassen hat.

Die Stunde Null: 1945 und der Übergang zu einer neuen Militärgeschichte

Mit Kriegsende im Mai 1945 begann eine kurze Übergangsphase. Die alliierten Besatzungsmächte teilten Deutschland in Zonen auf; der Kreis Düren lag in der britischen Besatzungszone. Belgien, als Teil der britischen Zone, begann bereits 1945 mit der Stationierung eigener Truppen in der Region. Das nächste Kapitel der militärischen Geschichte der Drover Heide war damit bereits eingeleitet: Ab 1951 würden belgische Streitkräfte das Gelände als Panzerübungsplatz nutzen — mit Konsequenzen für das Landschaftsbild, die bis heute in Form von Tausenden kleiner Gewässer sichtbar sind.