Das Mittelalter in der Drover Heide — Franken, Motte Drove und die Herrschaft Jülich
Die Motte Drove und die Allmendenutzung prägten die Drover Heide im Mittelalter. Der Erdwall der Motte ist noch heute im Ortsbild erkennbar.
15. Mai 2026 · Aktualisiert: 27. Mai 2026
Als die letzten römischen Garnisonen im frühen 5. Jahrhundert das Rheinland verließen, blieb eine über vier Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft zurück. Der Raum um die heutige Drover Heide — zwischen den Orten Drove, Kreuzau und der Rur — war besiedelt, erschlossen und in ein Netz aus Wegen, Quellen und bewirtschaftetem Land eingebunden. Die fränkische Besiedlung baute auf diesem Erbe auf.
Von den Römern zu den Franken
Das Ende der römischen Herrschaft verlief im Rheinland als schrittweiser Prozess. Die Franken — ein germanisches Stammeskonglomerat aus dem rechtsrheinischen Raum — hatten das Gebiet bereits seit dem 3. Jahrhundert durch Überfälle und Handelskontakte beeinflusst. Am 31. Dezember 406 überquerten germanische Verbände massenhaft den Rhein; spätestens 413 war die römische Verwaltungshoheit im linksrheinischen Gebiet beendet.
Die romanisierte Bevölkerung, die im Rurtal und an den Hängen des Eifelanstiegs lebte, blieb weitgehend an Ort und Stelle. Die Franken übernahmen das bewährte römische Straßennetz, die Siedlungsstandorte und — nach ihrer Bekehrung zum Christentum unter König Chlodwig I. um 500 — auch viele der kirchlichen Strukturen. Die Christianisierung des Rurtals und der Nordeifel ging im 7. und 8. Jahrhundert vor allem vom Bistum Köln aus, das als institutioneller Nachfolger der römischen Diözesanstruktur die kirchliche Organisation der Region trug; ergänzend wirkten die Klöster Stablo-Malmedy und Prüm in den Eifelgebieten. [5] Eine direkte Verbindung zu einem einzelnen Missionar ist für den Raum um Drove urkundlich nicht belegt. Drove, das an einem alten Wegenetz lag, das von Berg bei Nideggen über Drove nach Kreuzau führte, wurde Teil dieser kirchlichen Erschließung. [1]
Die Drover Kirche, dem fränkischen Nationalheiligen Martin von Tours geweiht, ist ein deutlicher Fingerzeig auf diese Epoche: Die Martinspatrozinien entstanden fast ausschließlich in der Merowinger- und frühen Karolingerzeit. [1]
Der Jülichgau — Verwaltungsrahmen der Karolingerzeit
Im Zuge der karolingischen Reichsorganisation wurde das Gebiet um Düren und die Rur Teil des Jülichgau (Pagus Iuliacensis), einer Grafschaft, die als administrativer Unterbau des Frankenreichs diente. Karl der Große, der das Frankenreich zu einem christlichen Universalreich ausbaute, hatte in Düren eine bevorzugte Pfalzanlage — das Gebiet um die heutige Drover Heide lag in direkter Reichsnähe. [1]
Die karolingische Herrschaft schuf den institutionellen Rahmen für das hochmittelalterliche Lehns- und Grundherrschaftswesen. Große Güter wurden als Lehen vergeben, kirchliche Institutionen erhielten Landrechte, und örtliche Adlige sicherten ihre Stellung durch befestigte Sitze. Genau in diesem Kontext entstand die Motte Drove.
Die Motte Drove — ein Adelssitz aus Erde
Der markanteste greifbare Überrest des Mittelalters in diesem Raum ist die Motte Drove: ein ringgrabenumschlossener Burghügel südöstlich der heutigen Drover Kirche, der noch heute als leichte Geländeerhebung im Ortsbild erkennbar ist.
Motten (von lateinisch mota: Erdaufschüttung) sind künstliche Turmhügel aus aufgeschütteter Erde, die ab der Mitte des 10. Jahrhunderts als typische Adelssitze im nordwestlichen Europa aufkamen. Auf dem Hügel stand ein hölzerner oder steinerner Wohnturm; ein breiter Graben umschloss das Ganze. Häufig lag in unmittelbarer Nachbarschaft eine Vorburg (Basse-cour) für Gesinde und Wirtschaftsgebäude. [7]
Die Motte Drove weist folgende gesicherte Maße auf: Der Burghügel hat einen Durchmesser von 40 bis 45 Metern und war von einem bis zu 15 Meter breiten Graben umgeben; der Höhenunterschied zwischen Grabensohle und Hügelkuppe beträgt 5,1 Meter. Ein zugehöriger Teich liegt heute trocken. Die Anlage gilt als Stammburg der Herren von Drove, deren erste urkundliche Erwähnung ins frühe 13. Jahrhundert fällt: 1246 wird Reinhard von Drove als erster namentlich bekannter Grundherr der Burg genannt; 1251 erscheint Anselm von Drove als Erbvogt — Verwalter des Reichsguts Düren — in den Quellen. [2][3][4]
Die Anlage in Drove entstand wahrscheinlich im späten 11. oder 12. Jahrhundert — in jener Phase, als adlige Burgherren sich im nördlichen Rheinland durch Burgenbau eigene Herrschaften gründeten und ihre Burgnamen als Geschlechtsnamen führten. [6][7]
Anfang des 13. Jahrhunderts werden die Herren von Drove als Vasallen des jülicher Landesherrn genannt. Ihre Anlage gehörte damit in das feudale Geflecht der sich konsolidierenden Grafschaft Jülich. [2][3]
Die Heide als Allmende — Weide, Wald und Gemeingut
Während Burghügel und Kirche das Machtzentrum des Dorfes markierten, blieb die Fläche der heutigen Drover Heide selbst im Mittelalter das, was sie schon in vorgeschichtlicher Zeit war: gemeinsam genutztes Land. Die sandigen, nährstoffarmen und stellenweise vernässten Böden der Geest-Fläche östlich und nördlich von Drove eigneten sich nicht für intensiven Ackerbau. Als Waldweide und Heidegrasland stand das Gebiet der Dorfgemeinschaft als Allmende offen.
Die mittelalterliche Allmende — commons im englischen Sprachraum — war keine Brache, sondern eine bewirtschaftete Ressource: Schweine wurden zur Eichelmast in den Wald getrieben, Schafe und Rinder weideten auf der offenen Heide, und Bewohner hatten Rechte auf Plaggenstechen (das Abstechen der obersten Heidesoden als Stallstreu und zur anschließenden Ausbringung als Dünger auf die kargen Felder) sowie auf Holzeinschlag für ihren Bedarf. Genau diese Art der extensiven Nutzung prägte die Drover Heide über Jahrhunderte und schuf ungewollt jenen Offenlandcharakter, der heute Grundlage des Naturschutzgebiets ist. [1][2]
Das Herzogtum Jülich — Rahmen der spätmittelalterlichen Herrschaft
Die Grafschaft Jülich, zu der das Drover Gebiet gehörte, entwickelte sich im Hochmittelalter zur regionalen Ordnungsmacht. 1356 wurde die Grafschaft zum Herzogtum Jülich erhoben — ein Jahr, in dem Kaiser Karl IV. mit der Goldenen Bulle auch die Reichsverfassung neu ordnete. Das Kreuzauer Schöffensiegel aus demselben Jahr trägt bereits den Jülicher Löwen. [1]
Die Herrschaft Drove war Teil dieses Herzogtums. Die Kirche St. Martin in Drove war eine Urpfarre — eine jener früh gegründeten Mutterpfarreien, aus denen im Laufe des Mittelalters eigenständige Kirchengemeinden ausgegliedert wurden. Zu ihrem ursprünglichen Sprengel gehörten Boich, Üdingen, Leversbach, Rath, Schlagstein und ein Hof Schnorrenberg; noch bis 1219 war Nideggen kirchenrechtlich eine Filiale der Mutterkirche Drove. [8] Dass ausgerechnet der spätere Sitz der Jülicher Grafenresidenz von Drove abhängig war, belegt das frühe kirchliche Gewicht dieses Standorts. Die Errichtung der ersten romanischen Pfarrkirche in Drove wird auf die Zeit um das Jahr 1000 datiert.
Die Heide, die im Hochmittelalter zwischen diesen Ortschaften lag, blieb herrschaftlich uninteressant: Kein Weinbau, kein Erzabbau, kein strategischer Wert. Das Gebiet wurde nicht aufgeteilt, nicht befestigt, nicht urkundenkundig — und genau deshalb überstand es die Jahrhunderte in seiner ursprünglichen Form. [1]
Das Ende des mittelalterlichen Adelssitzes in Drove
Die Motte als Adelssitz erfüllte ihre Funktion bis in die frühe Neuzeit. Bei der Plünderung und Einäscherung des Ortes Drove 1643 und 1673 wurde die Burg erheblich beschädigt. Eine Belehnungsurkunde von 1788 beschreibt die Anlage noch als „alte verfallene Wohnung mit Gärten und Weihern”. [4] Heute ist nur noch der Erdwall mit seinem Graben erhalten.
In den Jahren 1728 bis 1741 ließ der Freiherr von Rohe an anderer Stelle, nordwestlich des alten Mottenareals, die heutige Burg Drove neu errichten: eine repräsentative dreiflügelige Barockanlage mit Ehrenhof und Allee, die sich in Privatbesitz befindet. [1][3] Die Kontinuität des Ortsadels ist damit gebrochen, das Bodendenkmal der Motte aber geblieben.
Die Drover Heide im Übergang zur frühen Neuzeit
Vom Mittelalter zur frühen Neuzeit vollzog sich für die Drover Heide ein gleitender Übergang ohne dramatischen Einschnitt. Das Land blieb Allmende, die Dörfer blieben in ihrer Struktur stabil, und die Herrschaft wechselte im Zuge der Erbfolge und des politischen Wandels zwischen verschiedenen Adelsfamilien. Das Herzogtum Jülich hielt die Region bis zu seinem Ende im frühen 17. Jahrhundert zusammen.
Die fehlende intensive Bewirtschaftung und städtische Verdichtung erklärt die naturschutzfachliche Qualität der heutigen Drover Heide. Das mittelalterliche Allmende-Regime legte den Grundstein für jene Offenlandschaft, die heute seltenen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet.
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